Partnerschaft entwickelt

20 Jahre eine-welt-engagement e.v.

Die Geschichte ist schnell erzählt:

1995 gegründet an der Anne-Frank-Schule in Düren als Initiative von Lehrern, Schülern und Eltern im Rahmen eines Projektes der Schulseelsorge, um einen Laden mit fair gehandelten Produkten zu betreiben. Mit dem Erlös werden Schul- und Ausbildungsprojekte der Caritas der Diözese Monze in Sambia/ Afrika unterstützt.

1997 legt der Verein vier Aufgabenbereiche für seine Arbeit fest: Austausch mit Sambia im Rahmen des Sozialen Dienstes für Frieden und Versöhnung (SDFV), Unterstützung von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit in der Diözese Monze, Förderung des Fairen Handels und Entwicklungspolitische Bildungsarbeit.

Im gleichen Jahr werden die ersten jugendlichen Freiwilligen für ein Jahr nach Sambia entsandt.

2000 kommen zum ersten Mal auch sambische Jugendliche für ein Jahr für ein freiwilliges soziales Jahr nach Düren

2003 weitet sich der Verein über die Schule hinaus aus, an der Schule arbeitet weiterhin , aber als eigenständiger Verein der EWE an der Anne-Frank-Schule e.V.

Zurzeit hat das eine-welt-engagement (ewe) 144 fördernde Mitglieder. Er wird von einem Vorstand aus 7 Mitgliedern geleitet, die alle ehrenamtlich die unterschiedlichen Verantwortungsbereiche gestalten. 55 deutsche Freiwillige haben in den vergangenen 18 Jahren einen einjährigen Freiwilligendienst in Sambia geleistet und 18 sambische Jugendliche kamen über den Verein als Freiwillige nach Deutschland.

jub2Hinter diesen Zahlen und Fakten stehen Menschen, insbesondere junge Menschen, die dem Verein ein Gesicht geben und die die Partnerschaft mit den Menschen im Süden Sambias leben – das Bistum Monze besteht aus 23 Pfarreien auf einem Territorium so groß wie die Republik Irland. Menschen, die eine Welt erlebt haben und leben.

Am 3. Oktober waren sie eingeladen zum Jubiläum des Vereins in der Marienkirche in Düren.

20 Jahre entspricht ungefähr dem Alter in dem die Freiwilligen nach Abitur oder Berufsausbildung zu ihrem Dienst entsandt werden. Die derzeitigen Freiwilligen waren also noch nicht geboren, als die ersten Freiwilligen 1997 entsandt wurden. Ein spannendes Aufeinandertreffen!

Zum Workshop am Nachmittag waren mehr als die Hälfte aller ehemaligen Freiwilligen des ewe aus Bremen, Berlin, Rostock, München, Utrecht, … und Lusaka angereist. Die meisten kannten sich überhaupt nicht, dennoch entstand bereits in einer gegenseitigen Vorstellrunde ein Gefühl von Vertrautheit: „Die anderen wussten, obwohl sie mich überhaupt nicht kannten, wovon ich sprach, hatten ähnliches erlebt, …“.

jub4Unter der Frage „Wie haben meine Erfahrungen im Freiwilligenjahr was ich heute bin und tue beeinflusst?“, die vom Caritas-Direktor der Diözese Monze , Solomon Phiri gestellt wurde, konnten viele der Anwesenden von Werten berichten, die ihre Studien- und Berufswahl, aber auch ihre Lebensführung nachhaltig beeinflusst haben. Roana(Rainer), Familienvater und Arzt mit eigener Praxis aus der Gegend um München „In Sambia habe ich gelernt Geduld zu haben, mit den Menschen, die mir begegnen und mit mir selbst. Das hat mir geholfen meinen Weg zu gehen“ – Nicole, studiert Ernährungswissenschaften in Utrecht: „Durch meinen Aufenthalt in Sambia habe ich den Mut gewonnen mich auf die Welt und die Menschen einzulassen“ – Nele, studiert Sonder-Pädagogik in Rostock: „Meine Arbeit mit Hörgeschädigten im Behindertenzentrum in Choma hat mich bestärkt dieses Studium zu ergreifen“ … Yvonne, Universitätsassistentin an der Historischen Fakultät der Universität Lusaka: „Ohne mein Freiwilligenjahr in Deutschland hätte ich mich nie getraut mich auf ein Universitätsstudium zu bewerben“

jub3Diese Erfahrungen und Werte, die von den Freiwilligen eingebracht wurden, sind für die Auswahl, Vorbereitung und Begleitung der Freiwilligen wichtig zu wissen und zu berücksichtigen. Daher waren die Verantwortlichen für die Freiwilligenarbeit nicht nur neugierig auf diese Gesprächsrunde, sondern haben auch intensiv mitdiskutiert, denn mittlerweile liegt die Vorbereitung und Begleitung der deutschen Freiwilligen bei Natalie Regniet und Gesine Linden, die selber Freiwillige des ewe in Sambia gewesen sind. Die Begleitung der sambischen Freiwilligen machen Nina Braun, ewe-Freiwillige 2011/2012, und Irmela Kuhlen, die auch stellvertretende Vorsitzende des ewe ist. Als ehemalige Lehrerin ist sie besonders eine wichtige Ansprechpartnerin für die Gastfamilien der sambischen Freiwilligen.

Sowohl sambische, als auch deutsche Freiwillige leben in Gastfamilien, dies ist fast ein Alleinstellungsmerkmal des eine-welt-engagement in der Freiwilligenarbeit mit einem afrikanischen Partner. Wobei der Begriff Gast eigentlich nur einige Tage zutreffend ist, danach ist man Teil der Familie, mit allen Rechten und Pflichten. Für die sambischen Jugendlichen gar nicht anders denkbar, ist dies für die deutschen Jugendlichen, die ja eben erst erwachsen geworden sind und aus ihren Familien heraus die Welt entdecken wollen, eine große Herausforderung. Solomon Phiri –von Anfang an Begleiter der deutschen Freiwilligen- möchte diese Lernerfahrung als Familienvater und als Gastvater nicht missen, wie er im Interview am „Feierabend“ zum ewe-Jubiläum gestand. Im Gespräch mit dem Moderator Johann Müller von der Akademie der Deutschen Welle, selbst auch ehemaliger Freiwilliger des ewe und heute in der Ausbildung afrikanischer Journalisten tätig, und Guido Schürenberg, seit 2002 Vorsitzender des ewe, beschrieb er als persönliche Lernerfahrung: Der sambische Familienvater ist die oberste Autorität in der Familie. Ihm haben Frau und Kinder fraglos zu gehorchen. So galt es auch in seiner Familie – bis er mit den deutschen Freiwilligen zu tun bekam, die immer eine Begründung erfragten. Eine ungewohnte herausfordernde Situation in einer patriarchalen Gesellschaft. Mittlerweile hat das aber auch in seiner Familie Schule gemacht und auch in seiner professionellen Arbeit als Leiter des Development Department der Diözese. Er habe schätzen gelernt die Interessen der Menschen um sich herum, ihre Erfahrungen und Meinungen wertzuschätzen und seine Entscheidungen und Maßnahmen im Team zu diskutieren und Verantwortung zu delegieren.

Familienentwicklung war dann auch das Stichwort für die letzte Interviewrunde an diesem Jubiläums-Feierabend: Wie verändern und entwickeln sich Familien, wenn ein Kind einen Freiwilligendienst in Sambia oder Deutschland antritt. Leider konnten nur deutsche Mütter von ihren Erfahrungen als „entsendende“ Mutter oder als „Gastmutter“ ins Gespräch bringen. Für die sambische Seite erzählte daher Sr. Chrisencia ihre Erfahrungen aus der Begleitung der deutschen Freiwilligen und ihrer Gastfamilien. Ist das Verlassen der Herkunftsfamilie unter normalen Umständen zum Studium schon für die Eltern und Geschwister häufig eine deutliche Veränderung und erfordert eine neue Rollenfindung, so der Aufenthalt in einem ganz anderen Kulturkreis und einer so ganz fremden Familie und Umgebung ganz besonders. Entsprechend gibt es Fragen nach Sicherheit und medizinischer Versorgung, nach Kommunikationsmöglichkeiten, aber auch „Wird unser Kind dort glücklich? Und wie können wir Anteil daran nehmen?“ So bei Frau Kuchiba, der Mutter einer Freiwilligen, die erst vor wenigen Wochen wieder von ihrem Auslandsjahr zurück war. Ihr hat geholfen und sie geradezu begeistert, dass sie an der jedes Jahr vom ewe und seinem Partner Caritas Monze organisierten FairReisen-Tour mit der ganzen Familie teilnehmen konnte. Dabei lernte sie nicht nur Sambia und die Projekte des ewe kennen, sondern auch eine ganz andere, lebendigere Form Kirche zu leben. Dies hatte auch Frau Kampfmann, die ihren „Gastsohn“ bei dieser Gelegenheit in Lusaka besuchen konnte, besonders beeindruckt. Lebendige Pfarreien mit vielen Jugendlichen und Kindern, die intensiv und lebendig Gottesdienst miteinander feierten. „Der Afrikaner ist notorisch religiös!“ hat einmal der Afrika-Korrespondent der ZEIT gesagt. Dies vermissen die sambischen Freiwilligen, obwohl in kirchennahen Familien untergebracht, sehr. Für die deutschen Freiwilligen stellt es eine Herausforderung dar, die ihrem eigenen Kirche sein aber oft einen nachhaltigen Impuls gibt.

Ein bisschen klang diese so andere Kirchen- und Gottesdiensterfahrung auch im mit der Mariengemeinde und interessierten Gästen gefeierten Gottesdienst. Die mit biblischen Partnerschaftsgeschichten und afrikanischen Liedern der Gruppe Afro Accoustics vom Vorstand des ewe gestaltete Wort-Gottes-Feier ermöglichte eine sehr lebendige gottesdienstliche Gemeinschaft.

Afro Accoustics; eine Kenianerin und ein Sambier, die in Bonn leben, begleitete mit selbstverfassten afrikanischen Liedern, in denen immer wieder auch die tiefe Verwurzelung in Familienstrukturen thematisiert wurde, den „Feierabend“ und ließen das Jubiläum ausklingen mit der Aufforderung beim alten deutschen Schlager „Schön war die Zeit“ doch kräftig mitzusingen. In jeder Hinsicht ein klangvoller und stimmiger Ausklang.                                                                                              Guido Schürenberg