Ein Wiedersehen

Vor meiner vierwöchigen Reise nach Sambia war ich ganz schön aufgeregt und habe mich gefragt, was mich dort erwarten würde. Was hat sich verändert? Wer wird mich wohl wiedererkennen? Wie wird es sein, meine Gastfamilie wieder zu sehen? Ich hatte vorab nur meiner Gast-Oma erzählt, dass ich zu Besuch komme. Angekommen in Pemba stieg ich aus dem Bus aus, niemand bemerkte mich erst einmal, ich lief die Straße runter bis zu unserem Haus, der Kellner in unserem Restaurant fragte mich, wohin ich möchte und ich antwortete intuitiv „nach Hause“. „Nach Hause?“ Ein paar Momente Stille, bis es dann Klick machte. „Nina, das glaube ich nicht, bist du es? Wir dachten schon, du hättest uns vergessen, willkommen zuhause!“ Erleichterung. Es hat sich nichts verändert. Sofort kehrt das Gefühl von Zuhause wieder ein. Dieses Mal begleitete mich mein jüngerer Bruder auf meiner Reise, der Sambia bisher nur aus meinen lebhaften Erzählungen kannte. Einige Mitbewohner unseres Hauses musste ich enttäuschen, da es leider nicht mein Ehemann, sondern mein Bruder war. Auf den zweiten Blick lachten dann auch alle herzlich darüber, weil wir uns tatsächlich sehr ähnlich sehen. Meine Gastfamilie hat sich sehr darüber gefreut, nun ein weiteres Familienmitglied kennenzulernen. Mein Vater hatte mich mit fairreisen während meines Freiwilligendienstes besucht. Welcome, welcome Vincent. Schnell war er der neue Sohn, der Bruder und der ganze Stolz der Fußballmannschaft. Und ich? Ich konnte mich entspannt zurücklehnen und alle Eindrücke, einschließlich der Sonnenstrahlen einsaugen und viel erzählen. Trotz der regelmäßigen Kontakte gab es viel zu berichten. Wir hatten fünf Jahre aufzuholen. Meine Rückkehr nach Pemba war wie ein Nachhausekommen in den Familienalltag meiner zweiten Familie. Auch mit Solomon Phiri, dem Vorsitzenden unseres Vereins auf sambischer Seite, sprach ich über dieses Gefühl von Zuhause. Das ist auch eines der schönen Resultate unserer Vereinsarbeit, dass wir nicht nur den interkulturellen Austausch fördern, sondern dass durch das Zusammenleben der Freiwilligen mit den Gastfamilien und Gemeinden persönliche Begegnungen stattfinden, aus denen intensive Freundschaften und auch Familien entstehen, die auf lange Sicht hin zusammen halten. Ich für meinen Teil weiß, dass nun auch mein Bruder, den Kontakt zu meiner Gastfamilie aufrechterhalten wird und sicherlich nicht das letzte Mal dort war.

Wenn ich auf die letzten fünf Jahre seit meiner Rückkehr von meinem Freiwilligendienst 2011/2012 zurückschaue, dann merke ich immer wieder, wie mich dieses Jahr geprägt hat. Bezüglich meiner beruflichen Laufbahn hat mein Freiwilligendienst mich sehr positiv beeinflusst. Meine Erfahrungen vor Ort konnte ich während meines Ethnologiestudiums hilfreich anwenden und viele Dinge aus der Theorie in die Praxis übertragen. Ein Beispiel dafür ist, dass Vorstellungen von Erziehung kulturell sehr unterschiedlich sein können. So auch in Sambia, wo Kinder meist nicht nur durch die Kernfamilie, also in einem Haushalt bei Mutter und Vater aufwachsen, sondern in einem Mehrgenerationenhaushalt leben und Elternschaft sozial gesehen eine ganz andere Dimension hat. Verwandtschaft beruht nicht nur auf Blutsverwandtschaft, sondern auch andere Mitglieder, die in einem Haushalt leben, werden als Tante oder Onkel bezeichnet. Meine Erfahrungen in Sambia helfen mir auch bei meiner aktuellen Arbeit als Sozialarbeiterin in einer Beratungsstelle für Menschen mit Migrationshintergrund. Ich habe in Sambia gelernt, was es heißt über den eigenen Tellerrand- die eigene Familie, die eigene Stadt, die Gesellschaft, den Kontinent hinauszuschauen und Wertesysteme, kulturelle Unterschiede, politische, soziale und historische Gegebenheiten wahrzunehmen, zu hinterfragen und zu akzeptieren. Während meines Freiwilligendienstes habe ich eine der wichtigsten Erkenntnisse in meinem Leben gehabt, nämlich nicht davon auszugehen und anderen zu vermitteln, dass eigene Vorstellungen und Werte, so wie sie mir durch meine Familie und die Institution Schule beigebracht wurden „die Richtigen“ und „die Normalen“ sind, sondern es immer auch noch andere Ansichten von etwas gibt. Interkulturelle Begegnungen sind komplex! Gerade in der heutigen Zeit von einseitiger Berichterstattung, Rechtspopulismus und politischen und wirtschaftlichen Veränderungen ist es immer wichtig die Gefahr einer einseitigen Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren.

Seit vier Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich für unseren Vorstand. Zum einen, weil ich es absolut sinnvoll finde, diese Art von persönlichem Austausch zu fördern und zum anderen, weil ich auf diese Art neben den Gesprächen mit meiner Gastfamilie mit Sambia in Kontakt bleibe. Ich möchte an dieser Stelle alle Leserinnen und Leser herzlich einladen, in unserem Vereinsvorstand mitzuwirken. Wir freuen uns über jedes Engagement. Bei Interesse informieren wir gerne über mögliche Aufgabenbereiche.

Herzliche Grüße an alle!

Nina Braun